Nach Jahrzehnten in unserem Verein ist unser historischer Klinker-Einer Königsberg auf die Reise gegangen. Seine neue Heimat wird Ratzeburg sein – und dort wartet auf das Boot bereits ein ganz besonderer Einsatz.
Wahrscheinlich kennen es alle Rudervereine: die Bootshalle soll frei werden für zeitgemäße Boote. Unser anstehender Dachausbau ist ein guter Anlass, sich von ungenutzten Booten zu trennen. Von manchem Schatz in unserem Bootspark fällt uns die Trennung besonders schwer. So auch bei diesem Einer in traditioneller Klinkerbauweise aus der Bootswerft Friedrich Pirsch. Um so besser, wenn sich ein Abnehmer findet, der ein historisch wertvolles Boot zu würdigen weiß.
Ein Boot für die Premiere von Adams Acht

Bundesweiter Kinostart: 17. September 2026
Schon die erste Nachricht unseres Käufers machte deutlich, dass unser Einer nicht einfach nur den Besitzer wechseln würde:
„Ich hätte das Boot gerne bis zum 21. August in Ratzeburg zur Premiere des Films Adams Acht. Da würde ich das Boot gerne ausstellen, da es auch aus den 50er Jahren kommt. Hier gibt es leider keine Holzboote mehr.“
Der Käufer ist Lingolf von Lingelsheim, früher Bootsmeister an der Ruderakademie Ratzeburg und für die deutsche Nationalmannschaft. Für die Dreharbeiten des Kinofilms „Adams Acht“ hat er mehrere originale Holzachter der 1950er Jahre restauriert und damit einen wichtigen Beitrag zur Authentizität des Films geleistet.
Der Film erzählt die Geschichte des legendären Deutschland-Achters und seines Trainers Karl Adam auf dem Weg zum Olympiasieg 1960 in Rom. Gedreht wurde an den historischen Schauplätzen in Ratzeburg, und dort findet am 21. August 2026 die Weltpremiere statt. Dabei wird bewusst nicht nur der sportliche Erfolg erzählt, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld der Nachkriegszeit. Dazu gehört neben seiner späteren Bedeutung für den Rudersport auch, dass Karl Adam eine NS-Vergangenheit hatte, die heute Teil einer differenzierten historischen Betrachtung seiner Person ist.
Ein Stück (Vereins-)geschichte
Mit dem Verkauf haben wir auch noch einiges über die Geschichte unseres Bootes erfahren.
Ein Bootsbauer war auf die Verkaufsanzeige aufmerksam geworden und informierte uns, dass die Königsberg aus den frühen bis späten 1950er Jahren stammt. Darauf weist insbesondere das Werftschild hin. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Friedrich Pirsch seine ursprüngliche Werft in Berlin-Oberschöneweide verlassen und zunächst am Stößensee, später in Berlin-Spandau eine neue Bootswerft aufgebaut. Boote aus der Pirsch-Werft sind heute gesuchte Sammlerstücke.

Mit der Gründung der EWF 1988 kam das Boot zu unserem Verein. Bei einer feierlichen Umflaggung wurde auch die Königsberg in den Verein aufgenommen. Das Mitglied, welches das jeweilige Boot organisiert hatte, skizzierte ihre Lebensgeschichte und den Weg des Bootes in die EWF. Unser Mitglied Ralf Ludwig erinnert sich:
„Ich habe das Boot vom Hochschulsport der TU Berlin erworben und nach Erlangen gebracht. Da es für die Studenten-Ruderausbildung nicht geeignet war und auch instand gesetzt werden musste habe ich es bekommen und mein Vater hat es instand gesetzt.“
Gerhart Ludwig war Gründungsmitglied und Bootswart der EWF und auch überregional bekannt im DRV-Ausschuss „Gig und Techik“. Zu Gründungszeiten richtete er zusammen mit anderen Mitgliedern Boote für den Verein her.
Eine logistische Gemeinschaftsleistung
Fast so spannend wie die Geschichte des Bootes selbst war sein Transport.

Zunächst brachten wir den Einer zum Ruderverein Erlangen. Dort wurde er auf den Bootsanhänger verladen, mit dem die Studierendenmannschaft zu den Deutschen Hochschulmeisterschaften („Triple-Meisterschaften“) nach Krefeld fuhr. Von dort aus übernahm ihn ein Verein aus Ratzeburg und bringt ihn auf der letzten Etappe an seinen Bestimmungsort.
So wird unser Einer wie ein Staffelstab weitergereicht. Mehrere Vereine arbeiten zusammen, damit ein über 70 Jahre altes Boot pünktlich zur Filmpremiere seine neue Heimat erreicht.
Bildquellen
- Königsberg_07_klein: J. Zache
- IMG_20260510_121312598_klein: A. Borsum
- IMG_20260510_121316279_HDR: A. Borsum
- IMG_20260510_121248725_klein: A. Borsum
- Umflaggung 1988 2: Vereinsarchiv



